Bisher habe ich nie selbst über einen digitalen Vertrieb released, in der Vergangenheit lief das immer über Labels oder Kooperationen. Jetzt will ich meine nächsten Songs selbst veröffentlichen. Also habe ich mir angeschaut, welche Distributoren es gibt, wem sie gehören und was passiert wenn man irgendwann wechseln will.
Was die Streaming-Dienste überhaupt pro Stream auszahlen und warum die Unterschiede so groß sind, habe ich in einem eigenen Artikel aufgeschrieben: Was zahlt Spotify pro Stream?
Wie kommt deine Musik auf die Plattformen?
Du kannst deine Tracks nicht direkt bei Spotify oder Apple Music hochladen. Du brauchst einen digitalen Vertrieb (Distributor), der deine Musik an die Plattformen liefert. Der nimmt dafür eine Jahresgebühr, eine Gebühr pro Release, eine Provision auf deine Einnahmen, oder eine Kombination daraus.
Die Anbieter unterscheiden sich nicht nur beim Preis. Die eigentliche Frage ist: Wem gehört der Laden, wer kontrolliert den Zugang zu deinem Katalog und deinen Daten, und was passiert wenn du kündigst?
Wem gehören die Distributoren?
CD Baby, jahrelang der Goldstandard für Indie-Distribution, gehört seit Februar 2026 der Universal Music Group. UMG hat Downtown Music Holdings für ca. 715 Millionen Euro übernommen, und damit auch CD Baby, FUGA und Songtrust. Deine Streaming-Daten, Verkaufsdaten und Fan-Daten liegen jetzt beim größten Major Label der Welt. Dazu 9% permanente Provision auf alle Einnahmen, für die gesamte Lebensdauer jeder Release.
TuneCore gehört Believe, einem französischen Musikkonzern der 2024 von der Börse genommen wurde. Dahinter stehen die Private-Equity-Firmen EQT und TCV zusammen mit dem Gründer. Kein Major Label, aber ein großer Konzern mit eigenen kommerziellen Interessen.
DistroKid hat Insight Partners als Hauptinvestor, dazu Silversmith Capital mit bedeutendem Anteil. Spotify hatte 2018 eine passive Minderheitsbeteiligung erworben und 2021 zwei Drittel davon wieder verkauft. Gründer Philip Kaplan ist seit 2024 nur noch Chairman, nicht mehr CEO. Goldman Sachs prüft einen Verkauf.
LANDR hat neben 23 anderen Investoren auch Warner Music Group mit an Bord.
Wirklich unabhängig im engeren Sinne, also ohne Major-Label-Beteiligung und ohne PE/VC-Investoren, sind nur wenige: Ditto Music (UK) und RouteNote (UK). iMusician (Schweiz) positioniert sich als unabhängig und DACH-nah, listet auf der eigenen Team-Seite aber Investoren und Board-Mitglieder auf. Artistfy (Hamburg) und recordJet (Berlin, mit AG in Luzern) sind kleine, deutschsprachige Anbieter.
Was kostet der Ausstieg?
Wenn du den Distributor wechselst, ist der Ablauf bei allen gleich: Neuen Distributor beauftragen, Musik dort hochladen, sobald die Tracks über den neuen Anbieter in den Stores sind, beim alten kündigen. Die ISRCs bleiben gleich, Streams und Playlist-Platzierungen gehen nicht verloren. Ein normaler Umzug.
Die Frage ist nicht ob die Musik bei Kündigung entfernt wird (das ist Standard), sondern was der Ausstieg kostet:
- Sauber (keine Kosten, keine Strafen): iMusician, recordJet, RouteNote, CD Baby, Artistfy
- Teuer: DistroKid verlangt für “Leave a Legacy” (ca. 27 Euro pro Single, 45 Euro pro Album) wenn du willst, dass Tracks auch ohne Abo online bleiben. Bei einem Katalog von 20 Releases wird das schnell teurer als der Jahrespreis.
- Provision nach Kündigung: Amuse nimmt 25% auf alle zukünftigen Einnahmen aus deinem Amuse-Katalog, ohne Ablaufdatum. LANDR nimmt 15% während der Übergangszeit bis die Stores die Tracks entfernen.
iMusician hat als einziger eine “Forever Online”-Garantie: Deine Musik bleibt nach Kündigung kostenlos in den Stores, auch ohne aktives Abo.
Der Vergleich
| Preis/Jahr | Provision | Ausstiegskosten | Eigentümer | |
|---|---|---|---|---|
| iMusician | ab 79,99 € (Abo) | 0% | Keine (Forever Online) | Schweiz (hat Investoren) |
| recordJet | Einmalgebühr + 90% oder Jahresgebühr + 100% | 0-10% | Keine | Unabhängig (Berlin) |
| Artistfy | Abo (Flatrate) | 0% | Keine | Hamburg, Gründerbesitz |
| Ditto Music | ab ca. 22 € | 0% | Keine | Gründerbesitz (UK) |
| RouteNote Free | Kostenlos | 15% | Keine | Unabhängig (UK) |
| TuneCore | ab ca. 23 € | 0% | UPC-Transfer 25$ | Believe (PE-Konsortium) |
| DistroKid | ab ca. 23 € | 0% | Leave a Legacy: 27-45€/Release | PE-Investoren |
| CD Baby | einmalig ca. 9-46 € | 9% permanent | Keine | Universal Music Group |
| LANDR | ab ca. 22 € | 0% (aktiv), 15% (Übergang) | 15% bis Takedown | Warner Music u.a. |
| Amuse | ab ca. 22 € | 0% (aktiv), 25% (gekündigt) | 25% dauerhaft | VC-finanziert |
Was Nutzer sagen (Stand: April 2026)
Bewertungen ändern sich schnell. Die folgenden Werte sind eine Momentaufnahme, keine dauerhaften Scores.
| Distributor | Trustpilot | Zweite Quelle | Auffällig |
|---|---|---|---|
| recordJet | 4,6/5 (180 Reviews) | 94% Empfehlungsrate | Antwortrate 100% auf negative Reviews |
| Artistfy | 4,1/5 (6 Reviews) | Google 4,7/5 (13 Reviews), ProvenExpert 4,5/5 (19 Reviews) | Sehr klein, aber durchweg positiv. Persönlicher Support. |
| iMusician | 4,3/5 (450 Reviews) | Keine BBB/PissedConsumer-Einträge | Wenig Beschwerden |
| Ditto Music | 4,2/5 (6.000 Reviews) | 108 PissedConsumer-Beschwerden | Trustpilot gut, Beschwerden häufen sich |
| TuneCore | 4,0/5 (12.000 Reviews) | PissedConsumer: 2,1/5, BBB: Note F | Krasser Gegensatz zu Trustpilot |
| CD Baby | 3,8/5 (8.800 Reviews) | Sitejabber: 1,1/5, BBB: Note F | Auf unabhängigen Plattformen katastrophal |
| DistroKid | ~3-4/5 (39.000 Reviews) | Sitejabber: 1,6/5 | App-Rating top, Service-Rating mies |
| LANDR | ~3-4/5 (2.600 Reviews) | — | Release-Delays bis 3 Monate |
Welcher Distributor für welchen Release-Rhythmus?
1-2 Releases pro Jahr, kleiner Katalog: Ein Unlimited-Abo für 80 Euro lohnt sich nicht wenn du eine Single und ein Album pro Jahr machst. Hier sind Pay-per-Release-Modelle günstiger. recordJet mit Einmalgebühr (ab ca. 10 Euro pro Single + 90% Revenue) oder iMusician Starter (ab ca. 9 Euro pro Release, 10% Provision). CD Baby funktioniert technisch auch (einmalig 9-46 Euro), aber du zahlst 9% permanent und deine Daten liegen bei Universal.
Jeden Monat ein paar Songs (10-20 Releases pro Jahr): Ab hier wird ein Unlimited-Abo günstiger als Einzelgebühren. iMusician Amplify (80 Euro/Jahr, 0% Provision, Forever Online) ist die sauberste Option. Ditto Music (ca. 22 Euro/Jahr, 0%) ist günstiger, hat aber das AGB-Risiko bei Kündigung. DistroKid wäre mit 23 Euro am billigsten, aber du bindest deinen ganzen Katalog an ein laufendes Abo.
Wöchentlich ein Song (50+ Releases pro Jahr): Bei dem Volumen muss der Preis pro Release gegen null gehen. Ditto Music (22 Euro/Jahr, unlimited) oder iMusician Amplify (80 Euro/Jahr, unlimited) sind die Optionen mit sauberen Bedingungen. RouteNote Free (0 Euro, 15% Provision) funktioniert auch, aber bei 50+ Releases und wachsenden Streams frisst sich die Provision in die Einnahmen.
| 1-2 Releases/Jahr | 10-20 Releases/Jahr | 50+ Releases/Jahr | |
|---|---|---|---|
| Empfehlung | recordJet oder iMusician Starter | iMusician Amplify | Ditto oder iMusician Amplify |
| Kosten ca. | 10-20 €/Release | 80 €/Jahr pauschal | 22-80 €/Jahr pauschal |
| Provision | 0-10% | 0% | 0% |
DistroKid genauer angeschaut
DistroKid ist mit über einer Million Kunden der größte Indie-Distributor. Ca. 23 Euro pro Jahr, unlimited Uploads. Klingt gut, bis man genauer hinschaut.
In Community-Foren und auf Reddit berichten dutzende Nutzer von gesperrten Accounts und blockierten Auszahlungen, teilweise Beträge im fünfstelligen Bereich. Der Support hat sich seit 2024 laut Nutzerberichten deutlich verschlechtert, mit wochen- bis monatelangen Wartezeiten und generischen Antworten.
Aus meinem Umfeld kenne ich die Erfahrung, dass nachträgliche Uploads auf bestimmte Stores wie Qobuz bei DistroKid extra kosten und der Support bei Problemen nicht hilft. Das deckt sich mit dem, was man online liest.
2023 wurde eine potenzielle Class-Action eingereicht wegen des Umgangs mit Copyright-Claims und Takedowns. Weitere rechtliche Auseinandersetzungen laufen. Das sind keine offiziellen Zahlen, sondern öffentlich einsehbare Erfahrungsberichte und Gerichtsdokumente.
Wie du dich entscheidest
Vier Fragen, in dieser Reihenfolge:
1. Was kostet der Ausstieg? Bei den meisten Distributoren ist ein Wechsel kostenlos. DistroKid verlangt 27-45 Euro pro Release wenn du ohne aktives Abo online bleiben willst. Amuse nimmt 25% Provision auf alles was dein Katalog nach Kündigung noch verdient. LANDR nimmt 15% während der Übergangszeit.
2. Wem gibst du deine Daten? CD Baby gehört Universal. Deine Streaming-Daten, Fan-Daten und Verkaufsdaten liegen beim größten Major Label. Ob das ein Problem ist, musst du selbst entscheiden, aber du solltest es wissen.
3. Gibt es deutschsprachigen Support? Wenn du nicht fließend Englisch schreibst oder im Streitfall auf Deutsch argumentieren willst: iMusician, recordJet und Artistfy haben DACH-Support. Bei den meisten anderen landest du auf Englisch in einem Ticket-System.
Nach diesen drei Filtern bleiben für den DACH-Raum:
- iMusician: 80 Euro/Jahr, 0% Provision, Forever Online, 200+ Plattformen, deutschsprachiger Support. Hat Investoren, ist aber kein Major-Label-Besitz.
- recordJet: Berliner Distributor (GmbH Berlin, AG Luzern), nicht-exklusiv, Chart-Registrierung. Einmalgebühr + 90% oder Jahresgebühr + 100%.
- Artistfy: Hamburger Distributor, 0% Provision, persönlicher Support. Kleinster Anbieter, aber durchweg positive Reviews.
- RouteNote Free: Kostenlos, 15% Provision. Für den Einstieg ohne Risiko.
Streaming und Direct-to-Fan parallel
Du musst dich nicht für einen Weg entscheiden. Ein Distributor wie iMusician oder recordJet bringt deine Musik auf Spotify, Apple Music, Tidal und Qobuz. Bandcamp läuft komplett unabhängig davon: Du lädst dort selbst hoch, setzt deinen Preis, verkaufst direkt an Fans und behältst 82%.
Das eine ist Reichweite (Streaming), das andere ist Beziehung (Direct-to-Fan). Beides gleichzeitig geht, und für die meisten unabhängigen Artists ist die Kombination sinnvoller als nur eins von beiden.
Was ich daraus mitnehme
Für mein erstes eigenes Release werde ich iMusician oder recordJet für die Streaming-Plattformen nehmen, und parallel auf Bandcamp hochladen. Kein DistroKid, kein CD Baby, kein Amuse. Nicht weil die technisch nicht funktionieren, sondern weil ich wissen will, dass mein Katalog mir gehört und bleibt wo er ist.
Quellen
- ALERA: Who Owns Your Music Distributor in 2026?
- Variety: UMG/Downtown Acquisition ($775M)
- Insight Partners: DistroKid Investment
- ALERA: What Happens When You Cancel Your Distributor
- ALERA: DistroKid Leave a Legacy Real Cost
- Ari’s Take: Distribution Comparison 2026
- iMusician: Team/Investoren
- iMusician: Pricing
- Artistfy AGB
- recordJet FAQ
- Bandcamp Fair Trade Music Policy