Rick Rubin hat ein Buch geschrieben. Nicht über Kompression, nicht über EQ, nicht über DAWs. Über Kreativität. “The Creative Act: A Way of Being”, auf Deutsch “Kreativ: Die Kunst zu sein.” 78 kurze Kapitel, die man auch einzeln lesen kann, weil sie nicht aufeinander aufbauen. Ich hab das Hörbuch gehört und war danach gleichzeitig inspiriert und genervt. Beides ist wahrscheinlich ein gutes Zeichen.
Dieses Buch ist quasi die Erklärung, warum Rubin so arbeitet wie er arbeitet.
Was drin steht
Das Buch liest sich nicht wie ein Ratgeber. Es gibt keinen roten Faden, keine Checklisten, keinen “In 10 Schritten zum Hit”-Ansatz. Es ist eher so, als würde dir jemand beim Kaffee erzählen, was er in vier Jahrzehnten über kreative Arbeit gelernt hat. Manches davon ist richtig gut. Manches ist mir zu esoterisch.
Die Sachen die hängen geblieben sind:
Jedes Element in einem Song muss seine Daseinsberechtigung haben. Wenn du eine Spur stumm schaltest und niemand merkt es, dann lösch sie. Klingt offensichtlich, aber wenn ich ehrlich bin mache ich meistens das Gegenteil: noch ein Layer, noch ein Plugin drauf, noch ein Fill rein. Gerade beim Vocal Mixing oder 808s ertappe ich mich da regelmäßig.
“Reduce until you can reduce no more. What remains is the essence.”
Es gibt kein objektives “fertig”. Du entscheidest dich irgendwann, dass jetzt Schluss ist. Und endloses Tweaken ist meistens nicht Perfektionismus, sondern Angst. Rubin hat dafür einen ganz guten Test: Wenn du nicht erklären kannst, warum eine Änderung den Song besser macht, dann schraubst du nicht mehr am Song. Dann schraubst du an deinem Ego.
“Completion doesn’t mean perfection. It means you’ve made a choice to share a moment in time.”
Was du konsumierst, bestimmt was du produzierst. Hör nicht immer die gleichen Playlists, lies was anderes als Twitter, geh mal in einen Laden den du normalerweise ignorierst. Der Input formt den Output. Das ist nicht neu, aber Rubin macht den Punkt gut.
Und: Ideen sind wie Samen. Die meisten gehen nicht auf. Das ist kein Problem, das ist normal. Sammle trotzdem alles, ohne es sofort zu bewerten.
Die Sachen die mich genervt haben:
Rubin redet viel über eine “Quelle” aus der Kreativität fließt. Kunst die “durch einen hindurch” will. Das ist für manche Leute sicher inspirierend, für mich klingt es nach Yoga-Retreat. Ich muss keine kosmische Kraft anzapfen um einen Beat zu bauen. Ich muss mich hinsetzen und machen.
Das Buch hat auch ein Privilegien-Problem. Rubin sitzt in seinem Studio in Malibu und sagt dir, du sollst die Dinge auf dich zukommen lassen. Klar, wenn auf der anderen Seite des Mikros Adele steht, kann man entspannt “weniger ist mehr” predigen. Wenn du abends nach acht Stunden Arbeit noch zwei Stunden im Schlafzimmer produzierst, sieht die Realität anders aus.
“Living life as an artist is a practice. You are either engaging in the practice or you are not.”
Trotzdem: der Satz stimmt. Auch wenn er von jemandem kommt, der es sich leichter machen kann als die meisten von uns.
Buch oder Hörbuch?
Ich hab das Hörbuch gehört, über ein paar Wochen verteilt. Manche Kapitel zweimal, manche übersprungen. Funktioniert gut in dem Format, weil die Kapitel kurz sind und nicht aufeinander aufbauen. Man kann das problemlos auf dem Weg zur Arbeit hören.
Das gedruckte Buch eignet sich wahrscheinlich besser zum Nachschlagen und Markieren. Aber zum ersten Mal durchgehen fand ich Audio angenehmer.
Für wen ist das was?
Wenn du Musik machst und das Gefühl hast, du kommst nicht weiter, zu viel anfängst, zu wenig fertig machst, dich zu viel vergleichst: Dann ist das Buch einen Versuch wert. Nicht weil es deine Probleme löst, aber weil es die richtigen Fragen stellt.
Wenn du konkrete Produktionstipps erwartest oder mit Sätzen wie “Die Kunst will durch dich hindurch fließen” nichts anfangen kannst: Lass es. Du wirst dich nur ärgern.
Ob die Ideen aus dem Buch meine Art zu produzieren tatsächlich verändern, will ich mal testen. Ich hab die Idee, mir das als eine Art Challenge vorzunehmen und hier drüber zu schreiben. Mal sehen ob was draus wird.
Tetragrammaton
Rubin hat übrigens auch einen Podcast. Tetragrammaton heißt der, und die Folgen sind lang. Zwei, drei Stunden pro Gespräch. Die Episoden mit Pharrell, Questlove und Mike Dean sind die interessantesten, wenn man Beats baut. Pharrell redet über Intuition, Questlove über Sampling-Kultur, Mike Dean über die Sessions mit Kanye. Reinschauen lohnt sich.