Shure SM7B: 9 Mikrofon-Alternativen für Gesang, Podcasts und Streaming

Das Shure SM7B ist vermutlich das meistgezeigte Mikrofon im Internet. Jeder Podcast, jeder Stream, jedes YouTube-Video mit Anspruch: irgendwo steht ein SM7B im Bild. Zurecht. Es ist ein robustes dynamisches Mikrofon mit breitem Frequenzgang, integriertem Windschutz und einer Nierencharakteristik, die Raumgeräusche gut ausblendet.

Aber es ist nicht das einzige gute Mikrofon. Und es hat eine Eigenschaft, die viele unterschätzen: Du musst den Gain-Regler ziemlich weit aufdrehen, sonst ist deine Aufnahme leise. Der Output liegt bei −59 dB. Schwache Preamps rauschen da hörbar, günstige Interfaces kommen an ihre Grenzen. Ich habe mein SM7B am Focusrite Scarlett 3rd Gen getestet: Gain voll auf, hörbares Rauschen. Am MOTU M4 und Apollo Twin läuft es einwandfrei, ohne Cloudlifter oder sonstigen Booster.

Welches Mikrofon passt zu dir?

Bevor du dich durch 9 Alternativen liest, hier die Kurzversion:

  • Dein Raum ist laut, PC-Lüfter hörbar, keine Akustikpanels: Dynamisches Mikrofon. SM7B, Rode Procaster oder Sontronics Podcast Pro.
  • Dein Raum ist ruhig, halbwegs behandelt: Kondensator holt mehr Detail raus. AT2020, AKG C214 oder Warm Audio WA-14.
  • Dein Interface ist günstig (Scarlett Solo, UR22 o.ä.): Shure SM7dB oder Aston Stealth, die haben den Preamp eingebaut. Oder ein dynamisches Mikrofon plus Cloudlifter.
  • Budget unter 100 €: Audio-Technica AT2020.
  • Budget egal, bester Sound: Electro-Voice RE20.

Meine Top 3 Empfehlungen:

  • Budget: Audio-Technica AT2020 (ruhiger Raum) oder Sontronics Podcast Pro (lauter Raum)
  • Standard: Shure SM7dB (SM7B-Sound ohne Gain-Stress)
  • Premium: Electro-Voice RE20

Die übrigen Mikrofone sind Spezialisten für bestimmte Situationen. Alle gut, aber du musst wissen wofür.

Kurz: Was macht das SM7B aus?

  • Typ: Dynamisches Mikrofon (keine Phantomspeisung nötig)
  • Richtcharakteristik: Niere, blendet den Raum gut aus
  • Frequenzbereich: 50 Hz – 20 kHz
  • EQ-Schalter: Bass-Rolloff + Presence-Boost auf der Rückseite
  • Besonderheiten: Integrierter Windschutz und Popfilter, extrem robust
  • Schwäche: Niedriger Output (−59 dB). Du brauchst ein Interface mit mindestens 55–60 dB sauberem Gain

Shure SM7B am Mikrofonarm

Mein SM7B steht immer am Schreibtisch, einsatzbereit für Ideen, schnelle Vocals und Sprachaufnahmen. Für gezielte Sessions greife ich aber auch auf andere Mikrofone zurück.

9 Alternativen zum SM7B

1. Electro-Voice RE20

Der Broadcast-Klassiker. Das RE20 minimiert den Nahbesprechungseffekt durch seine Variable-D-Technologie. Heißt: Du kannst nah reinsprechen, ohne dass es basslastig wird. Die Stimmenwiedergabe ist natürlich und warm, ohne künstliche Färbung. Seit Jahrzehnten Standard in Radiostudios weltweit. Kostet mehr als das SM7B (um die 430 €), lohnt sich aber wenn dir der natürliche Broadcast-Sound wichtig ist. Nicht für dich, wenn das Budget knapp ist.

2. Rode Procaster

Dynamisches Mikrofon mit enger Nierencharakteristik, blendet Raumgeräusche noch stärker aus als das SM7B. Gute Wahl für unbehandelte Räume. Der Klang ist klar und direkt, weniger warm als das SM7B, dafür durchsetzungsfähiger bei Sprache. Braucht ebenfalls viel Gain. Liegt bei etwa 170 €. Nicht für dich, wenn du warmen, vollen Klang willst.

3. Audio-Technica AT2020

Der Preis-Leistungs-Klassiker unter den Kondensatormikrofonen. Klarer, detaillierter Klang für Gesang und Sprache. Gibt es als XLR- und USB-Variante. Wichtig: Als Kondensatormikrofon ist es deutlich raumempfindlicher als das SM7B. In unbehandelten Räumen greift es Reflexionen und Nebengeräusche mit auf. Für um die 90 € trotzdem das beste Mikrofon in der Preisklasse. Nicht für dich, wenn dein Raum laut oder hallig ist.

4. Heil Sound PR 40

Dynamisches Mikrofon mit breitem Frequenzgang und betontem Bass- und Präsenzbereich. Klingt voller und “größer” als das SM7B, eher Hi-Fi-Broadcast als neutral. Beliebt bei US-Podcastern und Voice-Over-Künstlern. Braucht einen guten Preamp. Das PR 40 habe ich selbst nicht getestet, kenne es aber aus Studio-Sessions bei Kollegen. Nicht für dich, wenn du einen neutralen, unverfärbten Klang willst.

5. AKG C214

Kondensatormikrofon und die günstigere Alternative zum legendären AKG C414. Offener, detailreicher Klang, stark bei Gesangsaufnahmen und Instrumenten. Wie alle Kondensatormikrofone empfindlich gegenüber Raumakustik. In schlecht behandelten Räumen deutlich heikler als ein SM7B. Nicht für dich, wenn Sprache/Podcast im Vordergrund steht.

6. Shure SM7dB

Die Antwort von Shure auf das größte SM7B-Problem: zu wenig Gain. Das SM7dB hat einen integrierten Vorverstärker mit bis zu +28 dB. Kein Cloudlifter, kein externer Booster nötig. Der Grundklang ist identisch zum SM7B, der Preamp lässt sich per Schalter umgehen. Kostet etwa 60 € mehr als das SM7B.

7. Warm Audio WA-14

Vintage-inspiriertes Kondensatormikrofon, angelehnt an die klassische AKG C414-Schaltung. Offenes, warmes Klangbild mit viel Detail. Gut für Vocals, Akustikgitarre und Overheads. Das WA-14 habe ich selbst nicht getestet, kenne es aber aus Studio-Sessions bei Kollegen. Nicht für dich, wenn du nur Sprache aufnimmst und keinen behandelten Raum hast.

8. Aston Stealth

Dynamisches Mikrofon mit vier schaltbaren Klangprofilen, darunter eins, das dem SM7B-Sound nahekommt. Dazu ein integrierter Class-A-Preamp. Das Gain-Problem gibt es hier nicht. Robustes, eigenständiges Design.

9. Sontronics Podcast Pro

Dynamisches Mikrofon, speziell für Sprache und Podcasts entwickelt. Leicht, kompakt und überraschend klar für den Preis. Kein Allrounder, aber für Stimme aufnehmen eine ehrliche, günstige Option um die 120 €. Nicht für dich, wenn du auch Gesang oder Instrumente aufnehmen willst.

Für: Podcast-Einsteiger mit kleinem Budget und unbehandeltem Raum.

Welches Mikrofon wenn du X magst?

  • SM7B-Sound, aber kein Gain-Stress: SM7dB. Gleicher Klang, Preamp eingebaut.
  • Radioklang ohne Proximity-Bass: Electro-Voice RE20.
  • Tiefe Stimme extra fett: Heil PR 40.
  • Vielseitiges Studiomikro für Vocals und Instrumente: WA-14 oder C214.
  • Bestes Mikro unter 100 Euro: Audio-Technica AT2020.
  • Schlechter Raum, kleines Budget: Sontronics Podcast Pro oder Rode Procaster.

Dynamisch vs. Kondensator: Was passt besser?

Die wichtigste Entscheidung ist nicht SM7B vs. Alternative, sondern dynamisch vs. Kondensator:

EigenschaftDynamisch (SM7B, RE20, Procaster)Kondensator (AT2020, C214, WA-14)
RaumempfindlichkeitGering, verzeiht schlechte AkustikHoch, nimmt alles mit auf
Detail/AuflösungWeniger fein, dafür fokussiertMehr Detail, offener Klang
Gain-BedarfHoch (55–60 dB)Niedrig (30–40 dB)
PhantomspeisungNicht nötigJa (48V)
Typischer Use CasePodcast, Gaming-Stream, TwitchStudio-Vocals, Singer-Songwriter
Interface-LevelMittelklasse oder besserEinsteiger reicht

Ich bin selbst vom Rode NT1A (Kondensator) aufs SM7B gewechselt, weil mein Raum nicht behandelt ist. Das NT1A hat jeden Tastaturanschlag und jedes Straßengeräusch mitgenommen. Das SM7B blendet das aus. Wer in einer ruhigen, halbwegs behandelten Umgebung aufnimmt, bekommt mit einem Kondensator aber den detaillierteren Sound.

Gain-Problem lösen: Brauche ich einen Cloudlifter?

Das SM7B braucht 55–60 dB sauberen Gain. Heißt konkret: Du musst den Gain-Regler an deinem Interface fast bis zum Anschlag aufdrehen. Wenn es dann rauscht, ist nicht das Mikrofon kaputt, sondern der Preamp zu schwach. Das Rauschen kommt vom Interface, nicht vom SM7B.

Zwei Szenarien aus der Praxis:

Szenario 1 (funktioniert): Normal lauter Sprecher, 5–10 cm Abstand, MOTU M2. Gain auf etwa 3 Uhr, Pegel in der DAW bei −18 bis −12 dBFS. Sauber, kein hörbares Rauschen.

Szenario 2 (funktioniert nicht): Leise Sprecherin, 15 cm Abstand, Focusrite Scarlett Solo. Gain voll auf, trotzdem leise, und dazu hörbares Grundrauschen. Hier braucht es einen Cloudlifter oder ein besseres Interface.

Drei Wege raus:

  1. Interface mit starkem Preamp kaufen: MOTU M2/M4 (bis 60 dB Gain, extrem niedriges Eigenrauschen), Audient iD4/iD14, Universal Audio Volt oder Apollo. Mein SM7B läuft am MOTU M4 ohne Booster. Bei normaler Sprechlautstärke und 5–10 cm Abstand reicht das völlig. Wer sehr leise spricht oder ASMR macht, kann trotzdem einen Booster gebrauchen.
  2. Signal-Booster nutzen: Cloudlifter CL-1 (+25 dB), sE DM1 Dynamite (+28 dB) oder FetHead (+27 dB). Wird zwischen Mikrofon und Interface gesteckt und braucht Phantomspeisung vom Interface.
  3. SM7dB kaufen: Hat den Booster schon eingebaut.

Moderne Mittelklasse-Interfaces ab 150 Euro kommen mit dem SM7B inzwischen auch ohne Booster zurecht. Das Gain-Problem ist kleiner geworden als noch vor ein paar Jahren.

Die EQ-Schalter auf der Rückseite

Shure SM7B Rückseite mit EQ-Schaltern

Auf der Rückseite des SM7B gibt es zwei Schalter:

  • Bass-Rolloff filtert tiefe Frequenzen unter 400 Hz ab. Sinnvoll bei Nahbesprechung, wenn der Sound mumpfig wird.
  • Presence-Boost hebt den Bereich um 5–6 kHz an. Gibt der Stimme mehr Durchsetzungskraft.

Meine Einstellung für Podcasts und Vocals: Beides an. Für Instrumente oder bei mehr Abstand zum Mikro: beides aus.

Was kaufen?

Drei Preisstufen, klare Empfehlungen:

Unter 100 €: Audio-Technica AT2020. Bester Klang in der Preisklasse. Aber nur wenn dein Raum ruhig ist. Wenn nicht, lieber 30 € drauflegen und das Sontronics Podcast Pro nehmen.

200–350 €: SM7B plus ein ordentliches Interface (MOTU M2, Audient iD4) ist die Standard-Kombi. Wenn dein Raum richtig schlecht ist, nimm den Rode Procaster, der blendet noch mehr aus.

Über 350 €: Electro-Voice RE20 für den besten Broadcast-Sound. Oder SM7dB, wenn dich das Gain-Thema beim SM7B genervt hat.

Und wenn die Aufnahme steht: Der Vocal Mixing Guide zeigt, wie du das Beste aus deinen Takes rausholst.

Häufige Fragen
Braucht das SM7B Phantomspeisung (48V)?

Nein. Das SM7B ist ein dynamisches Mikrofon und braucht keine Phantomspeisung. Wenn dein Interface 48V aktiviert hat, schadet es dem SM7B aber auch nicht.

Brauche ich einen Cloudlifter für das SM7B?

Wenn dein Gain am Interface fast voll aufgedreht ist und du Rauschen hörst: ja. Wenn es sauber klingt: nein. Moderne Interfaces ab der Mittelklasse (MOTU M2, Audient iD4, Apollo Twin) kommen ohne Booster aus.

Warum ist mein SM7B so leise?

Erst checken: Bist du nah genug dran (5–10 cm)? Liegt dein Pegel in der DAW bei mindestens −18 dBFS? Wenn ja und es trotzdem rauscht, ist der Preamp deines Interfaces zu schwach. Das SM7B braucht 55–60 dB sauberen Gain.

SM7B oder SM7dB, was ist der Unterschied?

Das SM7dB hat einen integrierten Vorverstärker mit bis zu +28 dB. Gleicher Klang wie das SM7B, aber kein Gain-Problem mehr. Kostet etwa 60 Euro mehr.

Dynamisches oder Kondensator-Mikrofon für Podcasts?

Hörst du deinen PC-Lüfter, Straßenlärm oder Tastaturklackern auf der Aufnahme? Dann dynamisch. Ist dein Raum ruhig und halbwegs behandelt? Dann Kondensator für mehr Detail.