Wir haben uns damals eine Serie ausgedacht, in der wir aktuelle Remixe und die Produzenten dahinter vorstellen. Den Anfang machte der Chemnitzer Produzent TiKay One. Er zeichnete sich zuletzt verantwortlich für den Track “Laura” auf dem Top-10-Album “Rebell ohne Grund” von Prinz Pi und produzierte unter anderem auch für Maxat, Fist und Casper.
Wer TiKay bei Twitter oder Facebook folgte, wusste: Der schwang auch gerne mal die Dubstep-Keule und hatte schon das ein oder andere Remix-Brett zusammengeschraubt. Sein damals neuester Remix war ein Vorbote für das Album “Auf der Suche nach dem Glück” von D-Bo.
TiKay One im Interview
Deine 3 letzten Produktionen oder Remixe:
- Kraftklub: Randale Dubstep RMX (wurde später released)
- Fist & Maxat: Knutschen
- Prinz Pi: Laura
Wie gehst du an einen Remix ran?
Ganz intuitiv. Mein Anspruch ist immer, dass der Remix geiler sein soll als das Original. Ob das letztendlich auch so ist, liegt im Auge des Betrachters. Meistens höre ich das Original und denke mir bei einzelnen Elementen: Das hätte ich so und so anders gemacht. Wenn ich solche konkreten Ideen habe, dann versuche ich die auch sofort umzusetzen. Wie jetzt beim D-Bo Remix. Das Teil ist dann an dem Tag entstanden, als ich die E-Mail im Postfach hatte.
Im Falle der Tefla & Jaleel Remixe zum Beispiel habe ich mir nur die Acapellas angehört und versucht, die Stimmungen einzufangen.
Wie bringst du deine eigene Note in einen Remix?
Ich hoffe, dass die Ideen für mich stehen und sich so auch abgrenzen.
Welches Equipment verwendest du?
Ich arbeite total software-basiert. Ich bin Plug-In-Liebhaber. Was ich jedem ans Herz legen kann, ist “Trash” von iZotope. Das benutze ich wirklich oft, wenn es ums Kaputtmachen geht. Programmiert, moduliert und automatisiert wird das alles im FL Studio. Mein Outboard-Equipment beschränkt sich auf ein AKAI MPK49, eine Focusrite Saffire 24 Pro und meine treue, alte Anlage von Yamaha mit Stereoboxen, die bald gegen ein Paar Adams getauscht wird.
Kurz darauf: XOXO mit Casper
Was wir damals beim Interview noch nicht wussten: TiKay One steckte bereits mitten in der Arbeit an einem Projekt, das die deutsche Rap-Landschaft verändern sollte. Zusammen mit seinem Mitbewohner Tim Schiller, Gitarrist einer Psych-Rock-Band aus Schwerin, entwickelte er den Sound für Caspers zweites Album “XOXO”.
Die Zusammenarbeit mit Casper lief komplett remote über ICQ und Skype. TiKay lieferte Skizzen, Tim spielte Gitarren ein. Die erste veröffentlichte Produktion war “Stampf ihn ein” (zusammen mit DJ Shusta), dann folgten “Vatertag”, “Rock’n’Roll”, “Dampfwalze” und “2x mehr wie du” auf dem Selfmade-Records-Sampler “Chronik 2”. Am Ende stammte rund ein Drittel von XOXO von TiKay One. Im Grunde war er an allen Casper-Songs auf der Chronik 2 beteiligt.
Blickt man auf seine Discogs-Credits, wird klar, wie breit TiKay in der deutschen Rap-Szene unterwegs war: Produktionen für Joe Rilla (“Deutsch-Rap-Hooligan”, 2008), Maxat & Fist (“Ohne Worte”, 2010), Prinz Pi (“Hallo Musik” und “Rebell ohne Grund”, 2011), dazu der Tefla & Jaleel Remix auf “Weißt Du Noch?” und ein Beitrag zur “Beat Fight #2” Compilation auf Melting Pot Music. Später kamen noch die Bombee “Aurelia EP” (2013) und Sorgenkind “Sommerloch EP” (2014) dazu.
Die Geschichte hinter “Der Druck steigt” ist dabei besonders: Casper wollte Post-Rock-Elemente à la Explosions In The Sky einbauen. TiKay, dessen Rock-Erfahrung sich bis dahin auf Nu Metal von Limp Bizkit und Korn beschränkte, fand über Tim Schiller den Zugang. Die beiden wohnten im gleichen Haus, Tim zeigte ihm Platten wie “Mirror” von Battles, und irgendwann fingen sie an, gemeinsam Musik zu machen. “Ohne Tim wäre der Song gar nicht möglich gewesen”, sagte TiKay später im Red Bull Interview.
Tim spielte damals eine alte japanische Billiggitarre mit Wackelkontakt am Klinkenausgang. Er musste bei der Aufnahme komplett still halten, damit keine Knackser auf die Spur kamen. Diese Aufnahmen sind bis heute im Intro des Songs zu hören. Die Chormelodie im Outro wurde übrigens nicht von Menschenstimmen eingesungen, sondern mit einem Synthesizer eingespielt. Im zweiten Refrain kann man den künstlichen Chor noch erahnen.
Heute: Tom Finster
Thomas Küchler, wie TiKay One bürgerlich heißt, hat 2018 zu seinem 30. Geburtstag komplett neu angefangen. Unter dem Namen Tom Finster macht er heute Drum and Bass, Halftime und Ambient. Melodisch, melancholisch, mit eigenen Vocals. Von der Chemnitzer Hip-Hop-Szene in die internationale Bass-Music-Welt. Auch sein Setup hat sich gewandelt: Statt FL Studio produziert er heute in Bitwig.
Sein Debütalbum “Year Of I” erschien 2022 auf DIVIDID mit 13 Tracks, alle mit eigenem Gesang. Dazu kamen Releases auf Neosignal, Hospital Records und INSPECTED. Mit seinem Nebenprojekt DONKONG (Bass-Duo mit Barking Continues) ist er seit über neun Jahren aktiv. Anfang 2026 erschien die Single “Lies Over Lies” als Vorbote seines zweiten Albums “Stonelands”, im März folgte “Keep On” mit Vorso auf seinem eigenen Label WEAREHUMANS.
Tom lebt heute in Leipzig.
Hinweis: Dieses Interview erschien ursprünglich am 9. Mai 2011 auf beatsandsound.de. Der Abschnitt über XOXO und das Update zu Tom Finster wurden 2026 ergänzt.